Southside 2012 – Rückblick

Wenn man an das Southside Festival denkt, dann an Regenwolken, Schlammschlachten und Gummistiefel. Die Regenwolken wichen in diesem Jahr allerdings Sonne und einem strahlend blauem Himmel, statt knietief durch den Schlamm zu stapfen lag man diesmal auf der Wiese (ja, echt grünes Gras!), alle Viere von sich gestreckt. Die Hitze im Zelt trieb einen schon am frühen Morgen schnell aus dem warmen Schlafsack, in den man sich während der kalten, klaren Nacht bis zur Nasenspitze verkrochen hatte. Am Morgen wurden wir vom Nachbarzelt mit Blasmusik beschallt, was einem das Gefühl gab, auf einem Rummelplatz aufzuwachen. Zu den schlafentzugsbedingten Augenringen gesellte sich bald Sonnenbrand an nahezu allen Körperteilen, das Bier musste lauwarm getrunken werden und die Temperaturen in den Bühnenzelten waren tropisch, aber all das konnte die Laune nicht drücken, denn Sonne macht eben alles nochmal viel besser. Allein wettertechnisch war dieses Southside ohne Frage das schönste, auf dem ich bisher war.

Wir hatten uns dieses Jahr dazu entschlossen, mit der Bahn nach Neuhausen ob Eck zu pilgern, immerhin hatten wir 6 Euro mehr gezahlt für diese neue DB-Kooperation. Zumindest in der Stuttgarter Stadtbahn zogen wir vollbepackten Menschen doch die Blicke auf uns, auch mitleidige, wenn anstrengungsbedingt der Schweiß tropfte und wir uns nur mit Bier und Grillwurst samt Campingstuhl unter eine Dusche wünschten. Die Dusche kam prompt nach der Ankunft, allerdings nicht in erwünschter Form. Ein Gewitter zog auf und brachte etwas Weltuntergangsstimmung mit sich, während sich alle gegen Sturm und Regen an die halb aufgebauten Zelte und Pavillons krallten, sah es kurz so aus, als würde es doch wieder matschig werden. Glück gehabt – zumindest brannte gegen Mitternacht dann doch noch der Grill und alles war wieder gut.

Am Freitag ging es dann endlich los – für mich am Nachmittag mit der norwegischen Band Kakkmaddafakka. Die Jungs sind genauso spaßig drauf wie ihr Name anklingen lässt, besonders angetan haben es mir ja die drei Backgroundtänzer in Kurzarmhemd, Shorts und Krawatte.

Weiter ging es mit Tomte-Sänger Thees Uhlmann samt Begleitband, der jedes Mal wenn ich ihn sehe so cool ist, dass man ihn einfach gern haben muss. Als glühender Oasis-Fan (er ist Mitbegründer der Oasis-Ultras) riet er dann natürlich zum Besuch des Noel-Gigs am Abend und sagte einfach mal so: „Rock’n’Roll ist wichtiger als Deutschland!“.

Gesagt, getan. Knapp drei Stunden später betrat Noel Gallagher mit seinen High Flying Birds die Blue Stage. Nach dem Konzert in der O2 Arena in London und den NME Awards war es schon das dritte Mal, dass ich ihn dieses Jahr sah und kein Mal hat mich enttäuscht, auch wenn ich die recht ähnliche Setlist inzwischen auswendig kenne. Ein Wunder allerdings, dass er in die Dreiviertelstunde Festivalkonzert fast genauso viele Lieder quetschte wie in den doppelt so langen Arenagig, viel Zeit blieb da nicht zum Sprechen, grandios wars trotzdem. Ich mochte ja auch, dass er seinen Stingefinger-förmigen NME Award (verliehen als „Godlike Genius“) auf einer Lautsprecherbox auf der Bühne stehen hatte. Das Grand Finale „Don’t look Back in Anger“, klappte auch im deutschen Chor ganz gut, man muss aber trotzdem sagen, dass die Engländer das noch ein Stück begeisterter hinkriegen. Überhaupt weckte das ganze Konzert so viele schöne Englanderinnerungen, dass ich danach erstmal allergrößtes Heim-Fernweh hatte und vor Glück ganz traurig war.

Am Abend wartete dann das erste große Highlight: Mumford&Sons, die ich schon immer mal sehen wollte und die auch in keinster Weise enttäuschten. Marcus Mumford hatte sich die Hand gebrochen, weshalb der Auftritt einige Wochen vorher ins Wanken geriet, zum Glück konnte man aber Hilfsmusiker engagieren, die in seinem Namen die Gitarre schwangen. Trotzdem merkte man sichtlich, wie sehr er an seinem Ausfall litt, wenn er sich  handbaumelnd in ein Luftgitarren-Solo verkrümmte oder wie zur Bewegungs-Kompensation nebenher die Pauke schlug. Die Stimmung im Publikum war großartig, selbst in den hinteren Reihen konnten alle die Texte auswendig und zu Songs wie „Little Lion Man“ wurde ordentlich gehüpft und sich gefreut, bei „White Blank Page“ kullerten wie zu erwarten war ein paar Tränchen und auch die bisher unbekannten Songs des kommenden Albums (bald, bald!) konnten nur überzeugen, besonders angetan hat es mir bisher „Below my feet“, wobei es allerdings etwas schade war, dass die Menschen vor mir diesen unglaublich wunderschönen ruhigen Moment nutzten um ein „Justice werden so geil, bestimmt so geil wie Deichkind“-Blabla auszutauschen und meine bösen Blicke völlig ignoriert wurden. Aber es war trotzdem SO SCHÖN, so. Danach wurde noch dem lieben Bonaparte ein Besuch abgestattet, aber das ist eben nur halb so cool, wenn man nicht wirklich in der Crowd dabei ist und irgendwie wirkte es auf nicht so poppig wie gewohnt, zu hektisch-elektronisch, aber vielleicht war ich nach Mumford&Sons auch nicht so richtig in Stimmung. Justice danach haben wir uns auch noch ein wenig angeschaut, aber auch wenn ich Lieder wie „We are your friends“ und „D.A.N.C.E“ großartig finde, ist das einfach nicht, wofür ich mich festival-technisch begeistern kann, noch dazu waren die Beine müdegetanzt und von der inzwischen nächtlichen Kälte steifgefroren.

Am Samstag ging es schon (ein bisschen viel zu) früh los – um 12 Uhr mit We Are Augustines, deren Album bei mir seit Monaten im CD-Player liegt und die auch rundweg sympathisch waren. Trotzdem wäre das Konzert in einem der Bühnenzelte vielleicht besser aufgehoben gewesen als auf der größten Bühne, der Green Stage, die durch Größe und Entfernung, aber gepaart mit eher kleinem Publikum immer etwas befremdlich wirkt. Muss also dringend noch auf ein Clubkonzert von ihnen. Denn auch wenn ich die Zelte hasse, wenn darin zu viele Menschen sind, es viel zu warm ist und man kaum Frischluft abbekommt – die kleinen Konzerte darin sind immernoch die schönsten. So wie etwa Alt-J, die danach spielten. Für die – und gegen Spector – hatte ich mich nämlich im Endeffekt entschieden und das Konzert war ganz bezaubernd und die Band an sich auch unglaublich sympathisch, viel jünger und bubiger als erwartet, ein bisschen nerdig und spätestens jetzt haben sie sich ins Lieblingsbandsherz gespielt. Ganz viele Herzen und Hachs an dieser Stelle.

Den Nachmittag füllten Bombay Bicycle Club auf der großen Green Stage, von denen ich mich wieder irgendwie zu weit weg fühlte und die Stimmung kam nicht so richtig auf, musikalisch war das Ganze aber natürlich sehr fein. We Invented Paris waren dann irgendwie so „ganz nett“, aber nicht herausragend, im Gegensatz zu Kraftklub anschließend, die man komplett unterschätzt und ins rote Bühnenzelt gelegt hatte (warum auch immer, jeder Bravo-Leser hätte wohl voraussagen können, dass die nahezu das gesamte Southside-Publikum anlocken würden). Man kann Kraftklub mögen oder auch nicht, aber das Zelt kochte und wer bei Konzertende nicht bis auf die Unterwäsche nassgeschwitzt war, hat eindeutig etwas falsch gemacht. Abgesehen davon, dass Sänger Felix gefühlte zehn Mal den falschen Festivalnamen rief (Hurricane statt Southside) und die anschließenden Buh-Rufe erst eine halbe Stunde später kapierte, waren die Jungs auch grundsympathisch und unterhaltsam.

Zur besten Fernsehzeit dann traten die Shins auf der Bühne, ein Konzert, auf das ich mich auch sehr gefreut hatte, das wundervoll in den Sonnenabend passte, trotz allem aber keines ist, das ewig in Festivalerinnerung bleiben wird. Die Lieder sind live ganz anders, unerwartet rockig. The XX, die mich bei ihrem letzten Southside-Besuch nicht wirklich überzeugen konnten, sah ich auch diesmal nur aus der Ferne, aber auf das neue Album kann man ja trotzdem mal gespannt sein. Auch The Temper Trap stattete ich einen kurzen Besuch ab (been there – done that), wanderte dann aber wieder vor die Green Stage um mir eine ohne Frage der größten Bühne würdige Band anzusehen: Headliner The Cure.

Natürlich ist die Band in die Jahre gekommen, Robert Smith klingt aber noch genauso wie früher (bzw. aus alterstechnisch meiner Perspektive: wie er auf den 80er-Jahren-Alben klingt), trägt seine Lippen noch immer rotgeschminkt und die schwarzen Haare so wirr wie nur möglich. Ich wusste nicht wirklich, was von The Cure zu erwartet war, kenne die Alben so halbwegs, würde sie aber nicht als Lieblingsband bezeichnen. Das Konzert war trotzdem ohne Frage grandios und vor allem lang! Von 22.30 Uhr bis etwa 00:45 spielten sie, Robert Smith schien wirklich gut drauf und man erlaubte es sich sogar, die größten Hits „Friday I’m in Love“ und „Boys Don’t Cry“ einfach wegzulassen, die brauchte es aber gar nicht und mein persönlicher Liebling „Lullaby“ war trotzdem noch dabei.  Um Dreiviertel eins dann wurden wir mit einem „I know you all want to see New Order“ entlassen und ich sportelte direkt über das Festivalgelände zur Blue Stage, wo New Order gerade in Joy Division’s „Isolation“ starteten, was ohne die Stimme von Ian schon ungewohnt klingt. Natürlich waren auch die großen Hits wie „Bizarre Love Triangle“, „True Faith“ (<3) und „Blue Monday“ dabei und nachdem bei The Cure eher Kuschelstimmung aufkam, durfte jetzt gegen die Müdigkeit angetanzt werden. Dass ich wegen New Order Beirut verpasste war zwar nach wie vor schade, ich habe es aber nicht bereut und fühlte mich nach The Cure und New Order samt „Love will tear us apart“-Abschluss von grandioser und bedeutsamer Musikgeschichte geflutet – übrigens beide ebenso wie Noel Gallagher NME „Godlike Geniuses“. So schön es auch war muss ich aber sagen, dass auf „Love will tear us apart“ am Ende hätte verzichtet werden können, im NO-Stil und mit Bernard Sumner am Mikro wirkt das Ganze eben doch nur wie ein billiges Cover (Verzeihung!), da hätte es vielleicht mehr von The Cure’s Anti-Hits-Mut gebraucht. Auch Noel Gallagher verzichtet auf seinen Konzerten zum Glück auf „Wonderwall“, mit dem man auf dem Campingplatz alle hundert Meter von einem amateurhaften Lagerfeuer-Gitarristen geplagt wurde.

Der Sonntag war konzerttechnisch der schwächste Tag und auch sonst war die Stimmung irgendwie etwas komisch. Der Himmel heute wolkenverhangen, es wurde wüster, die ersten Zelte abgebrochen. Auf dem Festivalgelände wehte der Müll nur so umher, der Körper schrie nach Kaffee und die Beine nach sitzendem Lauschen statt wildem Herumhüpfen. Erste Band an diesem Tag waren The Dø, die, wie die Sängerin direkt am Anfang klarstellte [Dou] ausgesprochen werden, wie die Note. Das Konzert war genau so nett wie erwartet, aber für ein Highlight irgendwie zu kurz. Danach war eher ein zielloses Herumwandern angesagt: bei Casper stellte ich fest, dass ich zwar das Album ganz nett finde, ihn live aber ziemlich mies; Madsen stattete ich einen Besuch ab in Erinnerung an frühere Zeiten, als sie meine Lieblingsband waren, bevor sie sich dem Schlager zuwandten; Bratze fand ich cool, war aber nicht so richtig in der Stimmung; die bayerische Band LaBrassBanda schien zwar eine durchaus tanzbare Show abzuziehen, für deren Musik kann ich mich aber nach wie vor nicht begeistern; Wolfmother waren cooler als erwartet; Sportfreunde Stiller auch so ganz nett.

Wirklich einziges Tages- und generell Festivalvorfreudenhightlight waren dann die Stone Roses am Abend, deren Reunion in England vom NME groß gefeiert worden war und die mir dann nach intensivem Hören auch ziemlich wichtig wurden. Nach den Sportis wanderte alles ab zur Bühne nebenan auf der Rise Against und später die Blink 182 spielten, das Feld vor der Blue Stage war wie leergefegt. Ein paar Musikgeschichtswillige fanden sich dann allerdings doch noch ein und wahrscheinlich wurde das Konzert auch so toll, weil eben nur noch Leute da waren, die sich auch wirklich für die Band interessierten. Das Set eröffneten die Jungs um Ian Brown erwartungsgemäß mit „I wanna be adored“, im ersten Teil des Konzert wurde viel vom zweiten Album gespielt (auch „Ten Storey Love Song“, auf welches ich mich gefreut hatte) und man stürzte sich in energische Instrumentals, am Ende dann folgten die weitaus bekannteren Lieder des Debütalbums und der Auftritt nahm so richtig Fahrt auf. Interessant und ein wenig süß fand ich Ian Brown’s irgendwie unbeholfenen Tanzstil. Der Sound war leider ab und an etwas danebengemischt, in „Bye Bye Badman“ ging viel vom Gesang unter. Im Großen und Ganzen aber eben das großartige Abschlusskonzert, das ich mir erhofft hatte. Beendet wurde (auch erwartungsgemäß ohne Zugabe) mit „I Am The Resurrection“ und Ian ging einmal herum und umarmte alle, am Schluss lagen sie sich alle im Kreis in den Armen, was ja Hoffnung darauf weckt, dass der Streit zwischen Ian und Schlagzeuger Reni, in dem ersterer den letzteren auf der Bühne als „Cunt“ bezeichnete, nur ein Ausrutscher war. Happy Family also, anscheinend.

Es war ein Wochenende, das große Musikgeschichte vereinte, weniger das der kleinen Bands, wie das in den Vorjahren gewesen war. Die Gummistiefel durften fast sauber wieder eingepackt werden und dass EM war hatte man fast vergessen. Das Festival war zu Ende, wir fühlten uns ganz erfüllt und auch die Tatsache, dass es anfing zu regnen konnte das Ganze nicht trüben. Und irgendwo auf dem Zeltplatz sang schon wieder jemand „Wonderwall“.

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